Mein erstes Mal im Einkaufszentrum – oder ‚Ode an einen Sessel‘

Der Mann und ich, wir waren neulich im Kino. Das ist ja an und für sich schon spannend genug, ich glaube wir haben seit zwei Jahren nicht mehr diesen Raum, wo es so nach Popcorn und Menschenansammlung riecht, betreten. Viel zu früh haben wir den Minimensch bei Omma abgegeben und sind los, bloß noch gute Sitze bekommen. Haben wir dann auch gekriegt, genau in der Mittemitte, unversperrte Sicht auf die Leinwand. Wär der Film nicht eh schon so alt gewesen, wären das ideale Bedingungen für einen heimlichen Mittschnitt mit späterer Netzkommerzialisierung gewesen.

So, wir hatten also noch Zeit. Da hierzulande Kinosäle eigentlich nur noch in Kommerztempeln zu finden sind, konnten wir uns ja noch die Zeit vertreiben. In unserem hier stehen dazu noch an jeder freien Ecke Massagesessel. Blöder Unfug für Renter, ja das hätte ich früher gesagt. Jetzt schaute ich den Mann an und fragte: „Haste mal nen Euro?“ Schwupps saß ich auf dem Sessel und los ging’s. Beine hochfahren, Oberkörper in die Waagerechte führen. Ich liege. Leute fangen an mich anzustarren. Vier Kugeln, etwas kleiner als ein Tennisball, beginnen, sich unter dem Kunstleder des Sesseln zu bewegen. Vom Steißbein an hoch in Richtung Nacken. AAAHHHHHH, tut das gut. Mein Körper fängt an die kreisenden Schwünge der Kugeln in sich aufzunehmen, er kreiselt mit. Die Leute starren noch immer. Und jetzt wieder runter. Die Kugeln oder was auch immer es ist, was sich da unter meinem Rücken agil bewegt und die Verspannungen wegdrückt, schieben sich wieder in Richtung Gürtelzone. Der Mann sitzt neben mir und feixt, während ich mir ein lautes Stöhnen verkneife. Und so schieben sie und ich liege einfach nur da, der Körper bewegt sich im Takt.

Auf einmal ist alles vorbei. Meine vier Minuten Glück, einfach abgeschaltet und der Euro aufgebraucht. Voller Wut auf die sausenden Schritte der Zeit schiebe ich meinen Körper in die aufrechte Haltung. Die Leute gucken mich neugierig an.

„Komm“, sag ich, „wir gehen“. Ab in den Kinosaal. Waren die Sitze im Kino nicht auch mal bequemer. Den ganzen Film lang rutsche ich hin und her und kann keine geeignete Position finden. Auch im Auto auf dem Weg nach Hause verfluche ich den ungemütlichen Autositz. Oh, Massagesessel, was hast du angerichtet? Ich werde es nun auf keiner anderen Sitzgelegenheit so schön haben wie auf dir. Ich vermisse dich jeden Tag und jede Nacht. Ich halte es langsam nicht mehr aus ohne dich. Wollen wir nicht zusammenziehen? Ich verspreche auch, dich weiterhin mit guten Eurostücken zu füttern, dich zu pflegen und zu hegen und nie, niiieeeemals Kleidungsstücke auf dir zu deponieren.

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