Liebe ist nicht verhandelbar und keine Erziehungsmaßnahme

„Lass sie weinen.“, „Nimm sie nicht zu oft in den Arm.“, „Du verwöhnst sie zu sehr.“, „Ignorier sie.“ Diese Sprüche und noch viele andere höre ich seit Geburt meiner Tochter immer wieder. Und zwar nicht von irgendwelchen Fremden, sondern hauptsächlich von meinen Schwiegereltern. Ich sei zu nachgiebig, heißt es, wenn das Kind bettelt und bettelt und ich es irgendwann doch auf den Arm nehme. Oder wenn ich sie tröstend in den Arm nehme, wenn sie sich leicht gestoßen hat. „Das ist doch gar nichts.“, sagt die Schwiegermutter dann. Dabei frage ich mich, kann man zu nachgiebig sein, wenn es um Liebe geht? Mir scheint, meine spanische Familie setzt Liebe auch gerne als Erziehungsmaßnahme ein. Wer schreit, wird nicht auf den Arm genommen. Dabei kann man doch gerade Babys nicht ein Zuviel an Liebe geben.

Als meine Tochter auf die Welt kam und sie in den ersten Monaten nicht schlafen wollte und viel schrie, fing es an mit diesen Ratschlägen. Ich solle sie in ihrem Wagen liegen lassen, damit sie sich bloss nicht daran gewöhne, auf den Arm genommen zu werden. Sie würde das dann ausnutzen. So die hilfreichen Tipps. Wie kann ein Baby denn die Liebe ihrer Mutter ausnutzen? Automatisch setzte sich bei mir etwas in Gang, wenn meine Tochter mit weinen anfing. Und automatisch hatte ich das Bedürfnis, sie auf den Arm zu nehmen, sie zu trösten, für sie dazusein. Für mich war klar, wenn mein Baby weint, ist es vielleicht, weil es eben gerade auf den Arm möchte, weil es sich allein fühlt oder eben einfach, weil es sich bei mir wohler fühlt. Das ist doch das größte Kompliment, das man einer Mutter machen kann. Wenn das Baby aufhört mit schreien, weil es die Nähe der Mutter spürt. Ich wollte dieses Kompliment so oft wie möglich bekommen.  Auch als es um das „richtige Einschlafen“ ging, hörte ich immer wieder: „Lass sie einfach alleine im Bett, sie beruhigt sich schon.“ Aber wie kann ich denn mein Kind einfach weinen lassen, wenn ich weiß, dass es in meinen Armen in 10 Minuten eingeschlafen ist. Und siehe da, mittlerweile schläft meine Tochter hervorragend in ihrem eigenen Bett und schläft friedlich ein, während ich ihr eine Geschichte vorlese. Mit ihren zwei Jahren versucht sie weder mich auszunutzen, noch habe ich sie mit Liebe verwöhnt. Wir genießen einfach die Zeit, die wir miteinander haben. Und das, obwohl ich sie als Baby stets und ständig auf dem Arm hatte – sie ist trotzdem kein Tyrann geworden, bis jetzt jedenfalls nicht.

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Es erscheint mir total unlogisch, so etwas Wertvolles wie die mütterliche Liebe als Erziehungsmaßnahme einzusetzen. Mutterliebe sollte bedingslos und ohne Aufforderung an Kinder gegeben werden, so jedenfalls meine Ansicht der Dinge.

Wohingegen man mit Liebesbeweisen von Kindern vorsichtig umgehen sollte. Hierzulande sollen Kinder oft für sie fremde Menschen küssen oder umarmen. Erst gestern hatte ich den Fall, dass alte Freunde meiner Schwiegereltern, die im Norden Spaniens wohnen, zu Besuch kamen und Küsse von meinem Kind einforderten. Meine Tochter hatte diese Menschen noch nie im Leben gesehen und versteckte sich panisch hinter mir. Lächelnd erklärte ich, dass das Kind nicht gerne Küsse gibt. Uns wurde verziehen, weil meine Tochter ja noch klein ist. Meine vierjährige Nichte hingegen wurde von ihrer Mutter schon fast angebrüllt, sie solle jetzt endlich hingehen und die Freunde gebührend mit Küsschen begrüßen. Ich sah ihren Unwillen und in dem Moment tat sie mir unendlich leid. Muss das denn sein? Ich als erwachsener Mensch gebe fremden Menschen auch nicht gerne Küsse zur Begrüßung, warum sollte das bei Kindern anders sein? Hier in Andalusien ist das eben so! In diesen Momenten bin ich froh, dass ich meinen „Ausländerbonus“ spielen lassen kann. Ich sage dann einfach, mein Kind ist eben doch zu deutsch für eure Sitten.