Be water my friend

Als ich heute morgen so durch mein Dorf lief, kam ich an einem Haus vorbei, aus dem wahnsinnig laute spanische Schlager krachten. Wow, dachte ich mir, hier möchte ich nicht Nachbar sein. Dann sah ich die Eigentümerin dazu. Nette andalusische Hausfrau, die grad auf allen Vieren den Boden polierte, sich an der Tür nach oben schob und bei Wänden, Möbeln und Türklinken weitermachte. Und das mit einem Elan, der mir beim Putzen gänzlich abgeht.

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Dann dachte ich mir: Recht hat sie! Wenn man schon das Haus von oben bis unten auf Hochglanz poliert, als wäre die Königliche Familie eingeladen oder die Schwiegermutter zu Besuch, dann doch mit Spaß an der Freude.

Wann habe ich eigentlich das letzte Mal zu einem Song mitgekreischt? Einfach mal die Lautstärke aufdrehen, den Besen als Tanzpartner benutzen und ab geht die Lucy! Ich achte viel zu sehr darauf, die anderen nicht zu stören, keinen Lärm zu machen, nirgendwo anzuecken. Dabei machen das die anderen ja auch nicht. Was jetzt nicht heißen soll, dass man Mitternacht eine spontane Elektroparty auf der Dachterrasse organisieren sollte. (Obwohl, klingt sehr reizvoll….) Nein, aber wenn man vormittags mal die Musik etwas lauter hört, wird die Omi von nebenan bestimmt nicht gleich die Polizei rufen. Wahrscheinlich wird sie rhythmisch im Sessel mit den Füßen wippen und sich freuen, dass endlich mal wieder was los ist.

Ich sollte viel lockerer werden. Da wohne ich nun schon in Spanien, dem Vorbild der Lockerness und habe auch nach neun Jahren noch verklemmte Ansichten, was das Miteinander angeht. Ich gebe zu, manchmal, also mindestens einmal am Tag, nerven mich die Nachbarn schon, weil sie eben genau das Gegenteil von mir sind. Laut und skandalös (Jedenfalls aus meiner Sicht). Das hierzulande recht hellhörig gebaut wird, hilft dem Ganzen nicht wirklich. Es scheint aber niemanden außer mir zu stören. Der Mann rollt nur mit den Augen, wenn ich sage, dass es ganz schön laut ist. Ich sei zu empfindlich und meine Nerven zu schwach sagt der Mann. ‚Be water my friend‘, sagt er, ganz nach Vorbild Bruce Lee. Und er hat Recht.

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Deswegen mein Motto für dieses Jahr ‚Be water‘. Einfach mal weghören, wenn die Nachbarn sich streiten oder das Kind laut plärrt. Einfach die Melodie mitsummen, wenn auf der Straße ein Auto das ganze Viertel beschallt. Einfach mal nicht an die negativen Schwingungen denken, die bei solchen Dingen sonst in mir hochquellen, sondern an Wasser. Wasser, Quell des Lebens, Quell der Freude, Quell der Lockerness. schschschschsch...wie es langsam einen Bach entlangrinnt. SCHSCHSCHSCHSCH...wie es einen Wasserfall hinabrauscht. Merkt ihr es schon? Es wirkt. Ich bin entspannt, ich bin locker. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss mal schnell wohin…