Zwei andalusische Dorfmenschen in Budapest

Ich packe in meinen Koffer und nehme mit: eine Salami, Lendenbraten, eine Plastikschachtel voll mit Erdbeeren, einen Laib Brot, einen Rindsknochen, zwei Hemden, zwei Hosen und ein paar Schuhe. Klingt komisch? War aber so. Genauso sah der Koffer meiner spanischen Schwiegereltern aus, als sie uns in Budapest besuchen kamen.

Wir hatten uns entschlossen, für ein Jahr dem schönen Andalusien den Rücken zu kehren und es mal mit einer Weltstadt zu probieren. Da wir auch das Enkelkind mitnahmen, mussten meine Schwiegereltern also auch einmal aus ihrem Dorf raus, denn ein ganzes Jahr ohne die Enkelin hielten sie dann doch nicht aus. Zwei Wochen wollten sie kommen, wenn schon denn schon. Oh je, dachte ich mir, aber gut, Zeit hat einen Vorteil: Sie vergeht, ob man will oder nicht.

Als die beiden kamen hatten sie einen riesigen Koffer dabei. Jetzt wollen die auch noch bei uns einziehen, war mein erster Gedanke. Wollten sie nicht. Sie hatten sich nur einfach ihre gesamte Wochenverpflegung mitgebracht. Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht heißt ein deutsches Sprichwort. Mein Schwiegervater ist Bauer. Von Gulaschsuppe, Paprikahähnchen und Palatschinken wollte er nichts wissen. Er wollte seine gewohnten Mahlzeiten auf dem Tisch sehen. So verbrachte Schwiegermama den halben Tag mit Kochen, um dem Göttergatten andalusische Küche vorzubereiten.

Schon frühmorgens wollte er nicht wenigstens mal die Salami aus dem Land des Paprikas probieren, nein seine mitgebrachte aus Ronda musste es sein. Mittags gab es wie zu Hause auch schöne andalusische Eintöpfe, Linsen oder Paella. Meine Schwiegereltern waren auch der Meinung, dass ihr lieber Sohn ja nur darauf gewartet hatte, endlich wieder andalusische Kost zu sich zu nehmen. Die essen ja nix Gescheites, die Ungarn. Schwiegermutter kochte und kochte. Ich musste schnell noch neue Plastikgefäße kaufen, um die ganzen Köstlichkeiten einfrieren zu können. Ich glaube, María ist nur mit dem Vorsatz nach Budapest gekommen, uns einen Jahresvorrat an Paella und Co einzurichten. Die Enkelin darf ja auch nicht verhungern und muss ordentlich essen. Sogar Erdbeeren aus ihrem Garten hatten die beiden mit im Gepäck. Falls es in Ungarn keine Erdbeeren gebe, war die Begründung.

Bei allem, was doch einmal probiert wurde, konnte Schwiegerpapa nicht an sich halten und verzog den Gesicht, als sei er dazu gezwungen worden, ein Kilo Zitronen in zwei Minuten zu essen. Jeden Tag wurde er grummeliger, dachte an seinen Olivenhain, wie verkommen der wohl nach den zwei Wochen ausschauen werde. Machen wir uns nichts vor, diesen alten Baum verpflanzt keiner mehr. Das nächste Mal, falls wir noch einmal Andalusien verlassen sollten, lade ich nur Schwiegermutti ein, denn was wären wir ohne Paella und Linseneintopf?

meine zwei andalusischen Dorfmenschen

meine zwei andalusischen Dorfmenschen