Wir haben Zeit

Die ersten Wochen meiner Schwangerschaft waren nicht einfach. Die Gefahr der Fehlgeburt machte mir täglich Angst. Nach dem Krankenhausaufenthalt war erst einmal Schonzeit angesagt und ich musste lernen, erstens mit der Angst zu leben (siehe Blogbeitrag Und dann kam die Angst) und zweitens wirklich mal einen Gang runterzuschalten.

Das mit dem Gang runterschalten ist ja so ein Ding. Alle Welt spricht immer von der ‚Slow Bewegung‘. Slow Food, Entschleunigung, Abschalten sind so Schlagwörter, die seit Jahren in allen Zeitschriften den Ton angeben. Klingt auch alles gut, doch wenn man dann wirklich mal muss, ist das gar nicht so einfach. Viel zu festgefahren sind wir in unserem Alltag, schon frühmorgens muss meist alles schnell gehen. Ja, auch ich fertige mein Kind morgens zügig ab, das Müsli schiebe ich ihm in den Mund, weil ich die Bummelei nicht ertrage. Einmal pünktlich in der Kita ankommen, das wünsche ich mir.

Doch Stück für Stück nimmt die Gelassenheit Besitz von mir, es ist unglaublich. Tagsüber bin ich im Homeoffice, logisch der Haushalt wird nebenbei auch abgewickelt. Doch sobald ich merke, ich brauche ein Pause, nehme ich sie mir auch. Hätte ich früher nicht gemacht, niemals. Da muss noch diese Übersetzung hurtig gemacht werden, die Emails beantwortet und der Staub gewischt. Kann alles warten, ich habe Zeit! Und mir geht es prima mit dieser Einstellung, aber ich habe auch jetzt mittlerweile 3 Monate gebraucht, um sie anzunehmen.

Genauso handhabe ich es auch mit meiner Tochter. Ok, das frühmorgendliche Chaos kann ich nicht verhindern, das wird wohl auch so bleiben, bis sie irgendwann auszieht…Doch nachmittags widme ich meine ganze Zeit ihr. Sie bestimmt das Tempo. Sind wir auf dem Weg zum Spielplatz habe ich mittlerweile kapiert, dass nicht der Spielplatz das eigentliche Ziel ist. Ich weiß, es klingt blöd, aber es ist wirklich so: Der Weg ist das Ziel.

Neulich waren wir unterwegs, das Kind hatte eine kleine Flasche für Seifenblasen in der Hand. Es machte meiner Tochter unheimlichen Spaß, auf dem Weg zum Spielplatz Seifenblasen zu pusten. Das führte natürlich dazu, dass sie alle fünf Sekunden stehenblieb, der Seifenblase nachschaute und mir stolz zurief, was für eine tolle Seifenblase sie da geschaffen hatte. Früher hätte ich ihr die Flasche weggenommen, eingepackt, sie an die Hand genommen und geschimpft, wir wollen doch zum Spielplatz, also los jetzt. Mein neues Ich freute sich mit der Tochter, setzte sich auf den Bordstein und wartete, bis sie fertig war und weiterlaufen wollte. Und so benötigten wir für einen zehn Minuten Weg fast 45 Minuten. Und es waren die besten 45 Minuten des Tages. Immer wieder hielten wir an, das Kind hob Steine auf, um sie in ein Loch zu werfen, pflückte mir Blumen, blies weiter Seifenblasen und war zufrieden mit sich, der Welt und mir. Und ich war es auch.

Das ist Entschleunigung: Das Kind legte sich mitten auf die Brücke, um dem Springbrunnen zuzuschauen.

Das ist Entschleunigung: Das Kind legte sich mitten auf die Brücke, um dem Springbrunnen zuzuschauen.

Das lass ich mir jetzt nicht mehr nehmen. Es war schwierig genug, die Gelassenheit im Alltag wirklich zu erlernen. Ich hoffe, ich werde sie nicht mehr verlieren. Meine Tochter und ich haben so schöne Momente dadurch erlebt, die ich so wahrscheinlich sonst nie gehabt hätte. Einfach weil ich früher durch all die Antreiberei keinen Blick dafür hatte. Und so kann ich eigentlich dem Hämatom in meiner Gebärmutter dankbar sein. Denn nur durch diesen Umstand habe ich mich ändern können. In diesem Sinne: In der Ruhe liegt die Kraft.