Warum ich so gerne möchte, dass meine Kinder hier aufwachsen

Diese Woche habe ich bei Glucke und So einen Text gelesen über das Fremdschämen. Es ging darum, dass ein kleiner Junge im Flugzeug Panik hatte und anstatt ihm zur Seite zu stehen, viele Erwachsene einfach nur genervt von dem Geschrei waren und selbst die Flugbegleiterin sich blöd anstellte. Da habe ich nachgedacht, wie das hier so ist und wahrlich, ich denke so eine Szene gibt es mit andalusischen Menschen nicht so oft. Ich schreibe ja gern mal darüber, was mich hier nervt, doch eines ist klar: Ich bin freiwillig hier, ich bin sehr gern hier und ich kann mir auch gut vorstellen, hier alt zu werden, trotz all der Dinge, die mich nerven. Denn in Deutschland gibt es wohl mehr Dinge, die ich nicht leiden kann. Warum ich so gerne hier bin und ich denke, dass es auch mein Minimensch hier gut hat?

1. Andalusier mögen Kinder. Ich bin nicht immer einer Meinung was die Erziehung in Andalusien angeht. Vieles finde ich befremdlich und möchte ich anders machen, doch eines steht fest: es sind kinderliebe Menschen. Wenn ein Kind weint wird gefragt, warum. Man ist nicht genervt von der Lautstärke der kleinen Racker und lässt sie rumtoben. Oft kriegt mein Kind Komplimente oder kleine Aufmerksamkeiten in den Läden zugesteckt. Man geht auf Kinder zu, redet mit ihnen, will sie zum Lachen bringen. Das finde ich sehr schön.

2. Mal entspannt bleiben. Die Menschen hier sind relativ entspannt finde ich. In der Arbeitswelt vielleicht manchmal etwas zu entspannt, doch im Allgemeinen tut das sehr gut, dass nicht stets Hektik verbreitet wird. Die Bars bei uns im Dorf sind auch unter der Woche gut gefüllt, man nimmt sich nachmittags gern die Zeit für einen Kaffee mit Freunden oder Familie. Wenn ich um die Zeit mit dem Kind auf den Spielplatz gehe, tönt noch ein bisschen Reaggaemusik aus der Bar nebenan zu uns rüber, finde ich sehr entspannt. Manchmal kommt selbst im Alltag so Urlaubsfeeling auf. Was will man mehr?

3. Sonnengarantie. Logisch, hier scheint mehr Sonne als in Deutschland, auch im Winter. Man kann einfach viel mehr im Freien machen und das ist mit Kindern wirklich Gold wert. Das Licht ist hier ein ganz anderes, man steht frühmorgens einach mit besserer Laune auf, auch wenn das Kind keine gute Nacht hatte und man nicht viel schlafen konnte. So geht es mir jedenfalls.

4. Spontanität ist alles. Eines muss man den Menschen hier lassen, spontan sind sie. Heute abend zum Beispiel fuhren wir nach Hause und kamen an einer Quelle vorbei, wie sie hier im Dorf an einigen Stellen stehen. Darin badeten zwei Jungs, komplett nackt, alle Nachbarn waren beim Spektakel dabei und feuerten die beiden an. Alle hatten Spaß, es war überhaupt nichts Anstößiges an dieser Szene. Die beiden Jungs kühlten sich einfach nur ab, es waren immerhin um 20 Uhr immer noch 27 Grad. Es war ein Bild der Freude und es hat richtig Spaß gemacht zuzuschauen. Das können die Leute hier einfach, sie sind spontan, denken nicht weiter nach und machen einfach. Sollte man viel öfter machen.

5. Immer schön freundlich bleiben. Wenn ich so durchs Dorf gehe, wird stets an allen Ecken gegrüßt, man bleibt auf einen kurzen Plausch stehen oder man lächelt sich wenigstens an. Einfach so aneinander vorbeigehen gibt es hier nicht. So muss das auch sein, besonders in einer kleinen Gemeinde. Es kann anstrengend sein, wenn hier jeder jeden kennt, es kann aber auch viele Sachen vereinfachen und angenehmer machen. Und Freundlichkeit macht das Leben hier wirklich sehr viel einfacher.

6. Wir halten zusammen. Der Dorfzusammenhalt ist hier wirklich enorm. Es ist eine kleine Gemeinde von 2.000 Einwohner und Alt und Jung halten hier zusammen. Es werden Traditionen an die nächste Generation weitergegeben, Feste gemeinsam organisiert und wenn jemand Hilfe benötigt, ist stets eine Person zur Stelle, auch wenn es kein Angehöriger ist. Meine Schwiegermutter ist in allen möglichen Vereinigungen beschäftigt, nimmt an Kursen teil oder organisiert Wohltätigkeitsbazare. Es ist ein gutes Dorf, um alt zu werden.

 

Das sind nur einige Gründe, warum ich es hier schön finde, auch wenn ich viel meckere. Das ist wohl einfach der Kulturunterschied, der auch nach 9 Jahren nicht wegzukriegen ist. Ich finde es wichtig, dass meinen Kindern Werte mit auf den Weg gegeben werden, die die Gesellschaft und das Leben in einer solchen betreffen und da sind wir hier genau richtig. Würden die Einwohner meines Dorfes mal alle gemeinsam auf eine Reise gehen, müsste ich mich sicherlich nicht wie meine liebe Dani fremdschämen, weil auf ein Kind keine Rücksicht genommen wurde, sondern man im Gegenteil dazu noch entnervte Kommentare äußerte. Und das ist doch einiges Wert, da nimmt man andere nicht so positive Dinge gerne in Kauf.

Wie ist das bei euch? Habt ihr eure Wunschgegend gefunden?