Warum der Minimensch in unserem andalusischen Dorf aufwachsen sollte!

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Ich bin ja eigentlich nur durch Zufall und durch die Liebe in dieses kleine andalusische Dorf gekommen, das da zwischen Málaga und Marbella liegt und mittlerweile meine Heimat ist. Bevor ich den Mann kennenlernte, kannte ich noch nicht einmal den Namen dieser Gemeinde. Mittlerweile bin ich doch recht gut integriert, klar, meine Schwiegermutter María tanzt hier auf allen Hochzeiten, manchmal mit meinem Minimenschen, manchmal ohne. Da ist es nur ganz logisch, dass man auch die deutsche Schwiegertochter dazu kennt. Anfangs dachte ich ja: „Oh nein, Dorfleben. Jetzt gibt es keine Geheimnisse mehr.“ Stimmt. Es gibt selten Dinge, die dem Dorfklatsch entgehen. Dabei sind wir eine recht große Gemeinde mit 2.500 Einwohnern. Hier herrscht aber noch die gute alte Marktplatz-Tradition. Immer dienstags ist Markt. Dann kommen die Obst- und Gemüsehändler, es gibt Küchenaccessoires und Unterwäsche, Handtücher und Bettwäsche, eingelegte Oliven und Churros. Alles, was die spanische Hausfrau so braucht. Auch der Mann und ich mischen (stilecht im Jogginganzug, man will ja nicht auffallen) mit, wenn wir können. Und schon trifft man da die Mutter der Nachbarin der Schwiegermutter, dort steht die Cousine der Freundin und an der anderen Ecke warten noch die Damen aus der Kirchengemeinde. Es geht hoch her! Und das ist auch gut so!

Es hat mich etwas gekostet, doch jetzt finde ich es einfach nur noch herrlich. Grüßend durch die Menge zu schreiten. Wenn ich mit Kinderwagen unterwegs bin, werden wir aller zwei Minuten angehalten. Es werden Faxen mit dem Minimensch gemacht und ein bisschen herumgeschrien. Ja, das können die andalusischen Frauen besonders gut. Meine Tochter genießt diese Aufmerksamkeit sehr. Grinst sich einen ab und schreit „Holaaaaaaa“ zurück in die Menge. Man fühlt sich gleich als ein Teil des Dorfes. Ich freue mich, dass meine Tochter hier aufwachsen kann. Man kennt sie schon von Kindesbeinen an. Wenn sie einmal größer ist, muss ich mir vielleicht nicht so viele Sorgen machen, dass sie auf dem Weg zum Bäcker verloren geht, hoffe ich jedenfalls.

In unserem Haus wohnen noch zwei Jungs in ihrem Alter, mit denen wird sie dann gemeinsam in die Vorschule, die hierzulande mit drei Jahren beginnt, gehen. Ich sehe es schon vor mir, wie sie den beiden später das Herz brechen wird. Wie sie durch die Olivenhaine rennen, die Ziegen verscheuchen oder Mandeln klauen. Klingt idyllisch und nach Kinderroman ala Tom Sawyer? Ja, mein Minimensch als Tomasine Sawyer des Südens, stark!!!!! Wo gibts das schon noch?

Genau das dachte ich mir auch heute wieder, als ich von einem Behördengang im Rathaus wiederkam. Ich musste etwas im Amt erledigen und normalerweise mag ich Ämtergänge überhaupt nicht. Hier im Dorf ist das anders. Kaum komme ich an die Rezeption, fragt man schon nach Mann und Kind. Während die Daten in den Computer eingespeist werden, unterhält man sich über die Tische hinweg, wie es der restlichen Familie so geht. Klar, hier ist ja auch so gut wie jeder mit jedem verwandt, das heißt zwei Cousins des Mannes sitzen auch im Amt. Ich sollte beim nächsten Mal einfach den Grill und Würste mitbringen, dann wirds noch gemütlicher.

Auch beim letzten Blutspendeaufruf war im Dorf ganz schön was los. Ich musste mich in eine Warteschlange einreihen, unglaublich! Auf der Liege mit den anderen Spendern im Raum blutabpumpend, waren wir auch schon nach 2 Minuten im Gespräch, über Kind, Mann und Arbeit. Ich fand es erstaunlich, das wirklich das halbe Dorf bei der Spendenaktion dabei war. Soziales wird hier sehr groß geschrieben. Wenn man helfen kann, hilft man, ohne groß darüber nachzudenken. Und genau diese Werte möchte ich meinem Kind mit auf den Weg geben. Auch wenn ich mit anderen Dingen wie dem Schmücken der Kinder mit Riesenschleifen, sonntäglichen Festanzügen wie in den fünfziger Jahren oder nachmittäglichen Naschorgien auf dem Spielplatz nicht ganz einverstanden bin. Da kommt meine deutsche praktische Mentalität hervor, aber auch das ist gut so. Der Minimensch soll ja schließlich von allem was abkriegen :).