Spanien – wahrlich kein Land der Vereinbarkeit

Heute endet meine Elternzeit. Amelie ist noch nicht einmal vier Monate alt und morgen müsste ich theoretisch wieder meine Arbeit aufnehmen. Ich schreibe theoretisch, denn ich werde es nicht tun. Zum einen befinden wir uns als Familie noch in der Findungsphase, diese Woche werden wir erneut umziehen, zurück aufs Dorf. Zum anderen habe ich das Glück, dass wir es uns leisten können, dass ich nicht sofort in die Berufswelt zurück muss. Wir werden keine großen Sprünge unternehmen können, werden sparsam leben und rechnen müssen, aber dafür kann ich noch eine Weile mit meinem kleinen Baby daheim bleiben. Ich darf sie besser kennenlernen und jeden Tag mit Amelie erleben. Sehen, wie sie die riesigen Entwicklungssprünge meistert, die diese kleinen Wesen erwarten. Darüber bin ich unendlich froh, denn wenn ich sie mir so anschaue, wie sie da auf ihrer Decke liegt, dann bin ich der Meinung, dass sie einfach viel zu klein ist, um sich jetzt schon von mir abzunabeln. Wir haben noch soviel Zeit dazu, wir sind doch gerade erst dabei, eine Bindung aufzubauen. Außerdem wird sie voll gestillt, ich müsste also entweder abpumpen, oder abstillen, um der Berufswelt und dem Baby gerecht werden zu können. Das will ich nicht. Mein Baby geht vor, ganz klar.

Bei meiner ersten Tochter stieg ich nach 16 Wochen in die Berufswelt wieder ein. Gab Elisa zur Großmutter, um schnell arbeiten gehen zu können. Arbeitete schnell, um zeitig wieder bei meinem Baby zu sein. Ich konnte mich weder auf die Arbeit 100 Prozent konzentrieren, noch auf mein Baby. Die Müdigkeit erschwerte beides. Das möchte ich nicht noch einmal erleben. Ich hatte zwar nach zwei Monaten das Glück, dass wir nach Budapest zogen und ich von zu Hause aus arbeiten und Elisa betreuen konnte, doch diese Zeit zwischen dem vierten und sechsten Monat, als Elisa tagsüber bei ihrer spanischen Oma war, fehlt mir heute.

Die spanischen Omas müssen hierzulande tapfer sein und stets und ständig einspringen. Viele Mütter finden 16 Wochen viel zu früh, um ein Baby in die Kinderkrippe zu stecken. Also werden sie zur Oma gegeben. Ob das so viel besser ist, sei dahin gestellt. Dank der zerstückelten spanischen Arbeitszeiten werden viele Kinder von den Großeltern aus Kindergarten und Schule abgeholt, essen bei ihnen Mittag und warten auf ihre Eltern, die sie abends abholen, mit ihnen schnell zu Abend essen und sie ins Bett bringen. Viel Zeit für Familie bleibt unter der Woche nicht.

Momentan wird von der spanischen Regierung die Debatte zu einer Änderung der Arbeitszeiten geführt. Ob da aber wirklich was passiert, bezweifle ich. Man müsste den gesamten Rhythmus umkrempeln und das, was für Spanien so typisch ist, die Siesta, würde abgeschafft. Im spanischen TV werden zur Zeit Pros und Contras laut. Doch ein klares Pro wäre die bessere Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Eine Mutter oder ein Vater, die erst gegen 20 Uhr das Büro verlassen, können unmöglich die gleiche Zeit mit ihren Kindern verbringen, wie Eltern in Nordeuropa, die gegen 18 Uhr ihre Arbeit beenden.

Wie es denn sein wird, wenn ich wieder in die Arbeitswelt eintreten werde, weiß ich nicht. Ob ich im Homeoffice arbeite, im Büro, mit Gleitzeit oder festen Zeiten, keine Ahnung. Ich möchte einfach jetzt die Zeit, die mir zur Verfügung gestellt wird, bestmöglich nutzen. In unserer Familienplannung steht kein drittes Kind, was natürlich nichts heißen muss, doch sollte Amelie mein letztes Kind bleiben, will ich einfach jeden Moment mit ihr auskosten. Schnell genug wird sie mich auf den Mond schießen wollen, mich peinlich finden und an manchen Tagen nicht mit mir reden wollen. Doch das kommt später.

Jetzt werden wir unsere Zeit genießen. Ich werde sie auf den Arm nehmen, so oft sie will, ich werde sie stillen, wann immer sie es verlangt. Ich werde mit ihr spielen, mit ihr herumalbern, mit ihr kuscheln und sie trösten, so oft sie es am Tag verlangt. Denn jetzt bin ich einfach ’nur‘ Mutter. Ich möchte nicht, dass eine andere Person diese Stelle einnimmt, weil ich wichtig für die Berufswelt sein will. Noch nicht. Jetzt will ich für nur zwei Menschen wichtig sein: für meine Töchter.