Mein Dorf

Mein Dorf

2.500 Einwohner, zwei Supermärkte, neun Bars, eine Rockervereinigung und ein Swingerclub. Das ist mein Dorf. Der Mann ist hier geboren, die Schwiegerfamilie lebt auch hier.

Es ist ordentlich was los im Dorf. Jeden Dienstag ist Markt, da werden die Rentnertrollis, die hier übrigens überhaupt nicht verpönt und auch von jungen Hausfrauen benutzt werden, über den Platz geschoben. Manolo verkauft Obst und Gemüse, Pedro eingelegte Oliven und Salzgürkchen, Isabel gleich noch die Tischtücher und BHs für alle Haushalte und nach erledigtem Einkauf gibts Churros (frittiertes Schmalzgebäck) bei José.

Auch sonst herrscht hier reges soziales Leben. Die Frauen schließen sich, sind die Kinder einmal aus dem Haus, verschiedenen Vereinigungen an, um kirchlich und wohltätig aktiv zu werden. Die Männer sind meist auf ihren Olivenhainen und nachmittags in der Bar anzutreffen.

Auf dem Spielplatz in der Mitte des Dorfes werden die kleinen Anwohner bei Laune gehalten. Und relativ oft werden Aktivitäten wie Malkurse, Puppentheater oder Sterne gucken kostenlos vom Rathaus angeboten. Die Leute im Rathaus sind auf Zack, was das angeht, find ich echt gut. Nicht immer werden diese Aktivitäten von allen angenommen. Beim Puppentheater saßen wir schon mal in sehr gelichteten Reihen im dorfeigenen Auditorium. Doch der Spanier an sich muss halt langsam an neue Themen herangeführt werden.

Großen Trubel gab es so zum Beispiel bei der Eröffnung eines Swingerclub im Dorf. Na, da war was los. Über dem Dorf liegt eine sehr schön erhaltene Burg. Früher diente sie als Hotel, seit zwei Jahren hat sich ein Swingerclub eingenistet, der grad im Sommer und an den Wochenende für viel Freude sorgt. Besonders bei meinen Schwiegereltern, die wohnen nämlich genau drunter und freuen sich jedes Mal über die Lustschreie der Swinger im Pool. Sogar das Fernsehen war da, um diese Kuriosität in den Schlagzeilen präsentieren zu können. Ja, bei uns ist was los! Jeden Freitag trifft sich die Rockervereinigung, ihr Präsident, Klaus, ist übrigens auch Deutscher. Tattoos, Piercing, lange Bärte und Lederklamotten. Richtig schmuck sehen die Jungs aus. Ich habs immer noch nicht geschafft, mal bei ihnen auf ein Bier vorbeizuschauen. Steht aber noch auf meiner To-Do-Liste. Generell ist der „Ausländeranteil“ in meinem Dorf recht hoch. Es gibt Engländer, Dänen, Marokkaner und natürlich Deutsche.

Einen gewissen Erasmusgrad erhalten wir durch die ansässige Design Academie, die für Hippsters und gutbetuchte Söhnchen und Töchterleins Kurse in allen möglichen kreativen Schaffungsbereichen anbietet. So hört man also auch amerikanisches Englisch, Französisch oder Schwedisch durch die engen Gassen des Dorfes rauschen. Mit dabei Elektromusik von diversen Dachterrassen.

So kann ich laut und stolz sagen: Mein Dorf ist cool! Und wer was anderes sagt ist blöd!

4 Comments

  1. Marlene
    Juni 2, 2015 @ 7:08 pm

    Eine echt sensationelle Beschreibung vom ‚Dorf‘! Treffend und amüsant zugleich :-)

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  2. Bloggerhausen Teil 2 ~ Glucke und So
    April 28, 2016 @ 11:03 am

    […] sich als Leser schnell zurecht. Wirklich am Besten am ganzen Blog finde ich schon die Reiter. Hier ein Beispiel. Bei der Andalusienmutti ist der Name Programm, es ist ein Mutti-Reiseblog für mich und dadurch […]

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  3. Jeannine
    Mai 31, 2016 @ 10:50 pm

    Danke dass du uns mitnimmst in dein Dorf! :) Bei der Beschreibung bekommt man beinah das Gefühl, schonmal dort gewesen zu sein… also, es entstehen zumindest gewisse Bilder im Kopf! 😉

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  4. Im Ausland leben mit Kindern: Susanne und ihre Family leben am Südzipfel Europas - Andalusien • MINI AND ME
    Juli 12, 2016 @ 7:51 pm

    […] wohne nun schon seit 9 Jahren in Andalusien. Erst lebte ich in Málaga, seit 4 Jahren wohne ich in einem kleinen Dorf im Hinterland, aus dem der Mann stammt. Jetzt sieht es ganz so aus, als würden wir im Herbst nach Murcia […]

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