Ich muss mich bei dir entschuldigen Deutschland

Liebes Deutschland, ich muss mich entschuldigen bei dir. Ich habe dich vernachlässigt, ich  habe dich vergessen und nun sitzen wir wahrlich im Mist. Seit fast 11 Jahren lebe ich nicht mehr bei dir, Spanien ist meine Wahlheimat geworden, der Grund war und ist Liebe.

Immer stärker habe ich mich in Spanien integriert. Ich habe hier meinen Mann, meine Töchter, die Schwiegerfamilie und meine Arbeit. Ich habe hier meinen Hauptwohnsitz, zahle hier Steuern, habe meine spanische Krankenversicherung und generell lebe ich ein durch und durch spanisches Leben, was das Offizielle angeht. Nur wählen darf ich in Spanien nicht. Dazu müsste ich meine deutsche Staatsangehörigkeit abtreten und Spanierin werden. Das will ich eigentlich nicht. Ich freue mich auch, dass meine Töchter beide Staatsangehörigkeiten haben. Doch nun ist es passiert, dass ich meine Pflicht vergessen habe. Ich war abwesend.  Ich hätte mich besser informieren müssen.

Von den Wahlen in Deutschland habe ich bis vor einigen Tagen nichts mitbekommen in Spanien. Ich war so mit meiner kleinen Welt beschäftigt, dem täglichen Geschäft zwischen Berufswelt und Familienleben. Und dann kam es plötzlich in den Nachrichten, Deutschland wählt. Ohje, ich hatte vergessen die Briefwahl zu beantragen. Ich habe nichts mitbekommen, habe mich auch selbst nicht informiert, einfach weil sich mein Leben nicht in Deutschland abspielt. Es hat mich nicht interessiert. Ich bin zu weit weg. Zwar schaue ich nach Möglichkeit jeden Abend Nachrichten, aber da kommt wenig über Deutschland.  Die Spanier haben viel mit sich selber zu tun. Ich ärgere mich ja jedes Mal, wenn in Spanien Wahlen sind, dass ich nicht wählen darf. Immerhin lebe ich hier, meine Steuergelder werden benutzt, was ja auch in Ordnung ist, weil ich ja auch die Dienste des spanischen Staates in Anspruch nehme. Doch trotzdem würde ich auch gerne darüber abstimmen, wer da oben regieren darf, Spanien ist mein Land, meine neue Heimat.

Dass ich jedoch auch mit Deutschland in der Pflicht stehe, das war mir bis gestern nicht so bewusst. Bis ich die Wahlergebnisse sah und vor Schreck vom Sofa rutsche. Die Ergebnisse aus meiner Geburtstadt Chemnitz sind mehr als erschreckend. Ich hätte etwas tun müssen. Ich weiß. Es tut mir leid. Ich kann mich nur entschuldigen. Ich hoffe für dich Deutschland, dass du den Bogen noch kriegen wirst. Ich hoffe, die wichtigen Parteien hören auf, sich Kleinigkeiten ins Gesicht zu werfen, stecken ihre Köpfe zusammen und packen gemeinsam an, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen.

Ich hoffe Deutschland, du verzeihst mir, ich werde dich nicht noch einmal vergessen oder desinteressiert wegschauen.