deutscher Kinderarzt vs. spanischer Kinderarzt

Das Kind ist letzte Woche zwei Jahre alt geworden und die eine Generaluntersuchung beim Kinderarzt stand an. Ich machte mich auf einiges gefasst, hatte ich doch schon Berichte deutscher Bloggerinnen zum Thema gelesen. 3D-Bilder, Hör- und Sehtest, Motorikaufgaben und und und. „Wir werden komplett versagen und durchfallen“, war mein Gedanke. Der Minimensch könnte weder irgendwelche komischen Bilder erkennen, noch auf einfache Fragen antworten. Schweißgebadet saß ich im Wartezimmer. Angespannt und gestresst. So ein Kinderarztbesuch ist schlimmer als jede Fahrprüfung mit drei Prüfern auf der Rückbank. Eigentlich mag ich unsere Kinderärztin sehr. Sie ist noch recht jung und scheint sehr entspannt zu sein. Nur einmal habe ich einen Rüffel gekriegt, dass der Schnuller jetzt doch bald weg müsse, dabei hatten wir ihn nur für die Untersuchung zur Beruhigung dabei. Aber jetzt sind wir ja auch schon schnullerfrei, hipphipphurra!

Doch nachdem ich den Bericht von Cosma auf ihrem Blog Cosmopolimam zum Thema Sprachentwicklung gelesen hatte, machte ich mir wirklich Sorgen, mein Kind sei zurückgeblieben. Auch Cosmas Tochter wächst mit mehreren Sprachen auf. Auf dem Blog hat sie eine Liste der Wörter zusammengestellt, die ihr Kind schon alle kann. Es ist eine sehr lange Liste wie ich finde, mein Kind kann nicht mal halb so viele Wörter. Trotzdem war Cosmas Kinderarzt alles andere als begeistert. Man müsse die Sprachentwicklung mehr fördern, hieß es. Ach du heilige Sch…dachte ich. Unsere Kinderärztin wird mich in Grund und Boden schimpfen, weil mein Minimensch immer noch keine hochgebildeten Sätze wie „Kannst du mir bitte einmal die Butter rübereichen, Mama“ oder „Schau, ein Eichhörnchen!“ von sich gibt, dachte ich.

Und dann kam es ganz anders. Als sie uns hereinrief, begrüßte sie meine Tochter sehr herzlich. Es kam das Ritual des Wiegens und Messens und ja, mein Kind ist wie immer zu groß für ihr Alter und wiegt auch zu viel. Aber dafür gab es keinen Anschiss, da kann ich ja nix für. Sie wiegt zwar recht viel, aber sie ist gottseidank nicht dick, alles in Proportionen. Danach wurde alles abgetastet, der Herzschlag abgehört und und und. Ich machte mich bereit für die Fragen, für die ich schon seit Wochen Antworten zurecht gelegt hatte. „Was isst sie denn so?“ „Alles, was wir essen, es gibt keine Extrawürste.“ „Mit was spielt sie denn gerne?“ „Mit Steinen, Wasser und Sand. Ja sie ist ein wahres Naturkind. Wir schauen niiiieeeee fern und gehen immer immer immer an die frische Luft.“ „Wie schläft sie denn?“ „Bis auf einige Nächte mit Nachtschreck eigentlich gut. Einschlafen ist kein Problem, weil ich als Supermama ja jeden Abend eine Stunde vorlese. Tolle Märchen und andere Geschichten, die alle pädagogisch sehr wertvoll sind.“  So hatte ich mir das alles ausgedacht. Doch die Ärztin dachte überhaupt nicht daran, solche Sachen zu fragen, bei denen ich mit stolz geschwellter Brust dastehen könne, um von meinem tollen Kind zu erzählen. Mit wenigen Auskünften war sie zufrieden. Dass das Kind also zu einer angemessenen Zeit ins Bett geht und genügend zu sich nimmt.

Bei der Sprachentwicklung fragte sie natürlich schon etwas genauer, da meine Tochter ja zweisprachig aufwächst und wirklich wenige Wörter, der größte Teil ist Spanisch, in ihrem Wortschatz vereint. Doch da sie schon kleine Sätze aus zwei oder drei Wörtern bildet, meistens ist es der Satz: „Tu no tocas!“ (Du fasst das nicht an!, ja, mein Kind ist liebreizend und sympathisch) war sie zufrieden mit allem. Sie meinte, Kinder in dem Alter bilden langsam kleine Sätze, meist sogar noch ohne Verb. Das ist das einzig Wichtige. Es ginge nicht um die Größe des Wortschatzes. Auch einsprachige Kinder legen da verschiedene Geschwindigkeiten vor. Wenn mein Kind so Sachen schon könne, wäre das eh schon viel, da die Entwicklung von zwei- oder mehrsprachigen Kindern ja eh langsamer vonstatten ginge. Also alles paletti!

Die nächste Viertelstunde tippte die Ärztin alles wild in ihren Computer ein, Wir standen da und guckten Löcher in die Luft. Dann sagte sie: „Alles ok. Wir sehen uns in einem Jahr.“ Und damit war das Thema durch. Also nix mit Tierstimmen erkennen, 3D-Bilder identifizieren oder lateinische Verse aufsagen. Geht hier also doch etwas anders zu als in Deutschland, auf jeden Fall sehr entspannt für Mutter und Kind.