Bye bye Baby

Mein Baby, jetzt ist es soweit, du bist eigentlich kein Baby mehr. Eigentlich, denn gottseidank leben wir in Spanien, da werden Kinder noch mit vier Jahren wie Babys behandelt. Ja, nur weil du jetzt ein Jahr alt bist heißt das hier nicht, dass du als Kleinkind wahrgenommen wirst. Deine Oma wird weiterhin Brei für dich kochen und dich füttern (deine 2-jährige Cousine wird ja auch immer noch mit Brei gefüttert), dich im Wagen herum schuckeln damit du viel schläfst (was du aber nicht tust, denn du willst die Welt erkunden), schreien dass du fällst wenn du so schnell davonläufst und noch viele Sachen machen, die mich manchmal um den Verstand bringen.

Doch sie ist deine Oma, sie liebt dich und sie ist Andalusierin. Nimm es ihr nicht übel, ihr fällt es schwer, ihrer Familie Freiraum zu geben. Sie ist so aufgewachsen, ihre Eltern haben sie so erzogen. Familie wird in Andalusien anders gelebt als in Deutschland. Familie heißt hierzulande oft tägliche Treffen, Anrufe mehrmals am Tag, stundenlanges Aufeinanderhocken und viele familiäre Verpflichtungen. Familie heißt hier aber auch sich aufeinander Verlassen können, Rund-um-Kinderbetreuung, Hilfe wenn man sie braucht, Unterstützung in allen Bereichen. Ohne deine spanische Oma wäre ich aufgeschmissen. Ohne sie könnte könnte ich derzeit nicht arbeiten gehen, denn noch sind Ferien und ihr, deine Schwester und du braucht eine Betreuung. Die Oma kümmert sich um euch, auch wenn es mir manchmal nicht so passt. Momentan sind vier Enkel bei ihr, sie kocht, sie wäscht, putzt ihr Haus und sorgt dafür, dass alles reibungslos läuft. Wenn ich mittags von der Arbeit komme steht das Essen auf dem Tisch. Einen besseren Service gibt es nicht und es ist ein wahrer Luxus. Und das Thema Kindererziehung wird in Andalusien nun einmal anders behandelt als in Deutschland.

Du mein liebes Kind hast das Glück, von beiden Kulturen das hoffentlich Beste mitzubekommen. Deine spanische Oma wird dich umhegen, pflegen und dich auch weiterhin wie ein Baby behandeln. Das macht aber nichts, denn du hast ja noch mich. Ich als deine Mutter werde dir, auch wenn es mir sehr schwer fällt, Flügel geben. Ich werde versuchen, dich so selbstständig wie möglich zu erziehen. Ich möchte nicht, dass du dein Leben lang von uns abhängig sein wirst, wie es hierzulande vielen passiert. Viele junge Menschen sind für meinen Geschmack allzu abhängig von ihren Familien hier. Mama wäscht und kocht bis die Kinder weit über 20 Jahre alt sind. Auch finanziell sind viele Kinder bis weit über 30 Jahre noch von ihren Eltern abhängig. Das passiert uns hoffentlich nicht.

Ich möchte dich und deine Schwester zu unabhängigen Menschen erziehen, die auch alleine klar kommen, irgendwann. Natürlich nicht jetzt und natürlich nicht in ein paar Jahren. Es hat Zeit. Doch es fängt damit an, dass ich dich nicht bremsen werde bei deinen ersten Laufversuchen, die du gerade unternimmst. Das unterscheidet die andalusische Oma von deiner deutsche Mutter. Die Oma packt dich ins Laufgitter aus Angst, du könntest frei herumlaufen und fallen. Ich lass dich frei durch die Wohnung krabbeln und laufen. Wen du fällst musst du lernen wiederaufzustehen. So ist das nun einmal. Wenn du dir weh tust, musst du auch das lernen. Es gibt Gefahren, überall. Eine Tischkante ist momentan eine Gefahr für dich, jedoch nicht lebensbedrohlich. Wenn du dich stößt werde ich da sein, deine Beule küssen und dich trösten. Doch es gibt Erfahrungen, die du machen musst. Denn ich werde dich nicht immer wie ein Baby behandeln. Das heißt nicht, dass ich dich nicht verwöhnen werde, dich mit Küssen und Umarmungen überhäufen, mit dir kuscheln sooft es geht, mir die Zeit zum Spielen und Vorlesen nehmen.

Du bist jetzt ein Jahr alt, du wirst in ein paar Tagen in die Kita gehen. Dort wirst du eine Menge lernen, mit anderen Kindern zusammensein, dich an deine Erzieherin gewöhnen und dich auch daran gewöhnen, dass es noch ein anderes Umfeld als unser Zuhause gibt. Das ist wichtig. In Spanien beginnt die Vorschule mit drei Jahren. Kinder die bis dahin zu Hause betreut wurden, haben es schwer, sich daran zu gewöhnen. Das habe ich gesehen, als deine Schwester in die Vorschule kam.

Das mag auch daran liegen, dass die Eingewöhnung darin besteht, dass die Kinder die erste Schulwoche 3 Stunden in die Einrichtung gehen, die zweite Woche 4 Stunden und dann ist die Eingewöhnung abgeschlossen. Die Eltern betreten die Einrichtung nicht. Das klingt hart und ist es für die meisten Kinder auch. Da spielen sich Dramen ab an der Schultür. Ist ja auch klar, die Kleinen waren drei Jahre lang in Einzelbetreuung entweder bei Mama oder Oma und urplötzlich werden sie mit vielen Kindern in eine Klasse geschmissen, müssen sich einer fremden Person anvertrauen müssen vieles alleine lösen und sind erst einmal aufgeschmissen. Denn hier liegt das Problem meiner Meinung nach. Während die Kinder zu Hause ganz schön verhätschelt werden, mit vier Jahren noch aus der Flasche trinken, einen Schnuller brauchen oder nicht fähig sind alleine zu essen, wird autnomes Handeln in der Vorschule verlangt. Im Schnitt kommen auf eine Erzieherin 18 Kinder. Mal weniger, mal mehr. Die Kinder müssen selbstständig sein, denn sonst gehen sie unter.

Manchmal frage ich mich, warum der Unterschied zwischen dem familiären Umfeld und dem Bildungssystem so krass ist. Ich finde, Kinder mit drei oder vier Jahren müssen noch nicht unbedingt schreiben lernen, jedoch sollten sie es genießen, mit anderen Kindern zu spielen, in einer Gruppe zu sein und ein anderes Umfeld wahrzunehmen. Sie können doch nicht ewig an Mamas Rockzipfel hängen.

Und genau deswegen, mein Kind, wirst du lernen, ohne mich auszukommen. Ich werde immer an deiner Seite sein, sichtbar oder unsichtbar. Wenn du mich brauchst, werde ich wie der Blitz eilen, um bei dir zu sein. Doch manche Situationen musst du ohne mich durchleben müssen. Denke nicht, dass das einfach ist für mich. Wenn ich daran denke, dass du in zwei Tagen in die Kita kommst, laufen mir jetzt schon die Tränen. Mein kleines Baby wird groß. Ich werde sentimental und kann es nicht glauben. Gerade eben lag ich doch noch im Kreissaal und die Geburt wurde eingeleitet. Unter gigantischen Schmerzen, Anwendung der Geburtstzange ohne Narkose, kamst du auf die Welt mein Engel. Die Schmerzen waren bald vergessen und du warst einfach da, als ob du schon immer bei uns gewesen wärst. Du hast unsere Familie vollständig gemacht, deine Schwester liebt dich abgöttisch, auch nach einem Jahr noch und ich hoffe, das bleibt noch eine Weile so. Ich weiß gar nicht, wie das Leben ohne dich war. Deine Schwester und du, ihr seid das größte Glück überhaupt. Auch bei deiner Schwester fiel es mir unheimlich schwer, den Schritt vom Baby zum Kleinkind ohne Sentimentalitäten und Tränen meinerseit zu erleben. Ich denke, das ist bei Müttern einfach so. Loslassen fällt schwer, es geht alles so unheimlich schnell. Das sagen alle, und trotzdem fällt es mir jeden Tag schwer zu akzeptieren, dass es so schnell geht.

Ich werde mein Bestes geben, dich zu ermuntern, die Welt zu entdecken, ins Freie zu stürmen und auf Eroberung zu gehen. Doch dazu musst du groß werden, kannst nicht ewig ein Baby bleiben, auch wenn ich das gerne so hätte. Und so verabschiede ich mich heute von meinem Baby und begrüße mein großartiges, wundervolles, neugieriges und ach so aktives Kleinkind.