Brief an meine spanische Familie

Meine liebe spanische Familie,

zuallererst möchte ich euch sagen, dass ich sehr entzückt von euch bin. Ihr habt mich so herzlich aufgenommen als ich vor sechs Jahren in euren Kreis platzte. Wie eine leibliche Tochter. Ihr wart sicher etwas überrascht, dass der Sohn sich ausgerechnet eine deutsche Freundin zulegen musste. Hattet Angst, ich verstehe euch nicht und nehme euch den Sohn nach Deutschland mit. Nein, nein! Im Gegenteil. Ich bin mit aufs Dorf gezogen. Besuche euch regelmäßig, helfe wo ich kann und habe euch zwei Enkel geschenkt. Doch leider fing damit auch der Ärger an. Jedenfalls für mich.

Ich mach nämlich alles, aber auch alles anders als ihr. Zum einen rede ich mit meinen Mädels Deutsch, denn ich möchte ihnen etwas von meiner Kultur mitgeben und ihnen die Zukunft einfacher gestalten. Ich selbst spreche vier Sprachen und weiß, dass sich mit Sprachkenntnissen viele Türen öffnen lassen. Ihr versteht kein Wort von dem was ich da sage. Das tut mir leid, aber da müsst ihr durch.

Zudem verwöhne ich, wie ihr meint, die Mädels zu sehr. Das Baby tragen, ständig auf den Arm nehmen, wenn es sein muss stündlich stillen, Familienbett…all das ist komisch für euch und ihr schüttelt den Kopf. Dass Kind 1 dann auch noch im Sommer beispielsweise den ganzen Tag barfuß laufen darf, ihren Teller nicht aufessen muss, keine Ohrringe hat, nicht getauft ist und auch sonst kein typisch andalusisches Mädchen ist, findet ihr auch nicht wirklich toll. Es ist kein Sonntagsvorzeigekind in Rüschen und Schleifen. Es darf sich auf den Boden setzen und auch mal mit den Händen essen. Warum auch nicht? Denn in erster Linie ist es nämlich ein Kind und Kinder sollten so etwas dürfen, finde ich.

Warum verbietet ihr solche Dinge, wenn ihr doch wisst, dass ich sie erlaube? Ich finde es nicht schlimm, wenn mein Kind die Riesenportion Paella nicht aufisst. Viel schlimmer finde ich, dass ihm Gummibärchen angeboten werden im Tausch für einen Kuss und eine Umarmung. Dass es fremde Menschen auf die Wange küssen muss, weil sich das so gehört.

Ihr schüttelt den Kopf, wenn ich dem Kind abends eine Stunde vorlese und meint, das geht nicht, das Kind muss alleine einschlafen. Dabei geht es ja nicht nur ums Einschlafen, sondern um den gemeinsamen Moment zusammen. Ich schüttel den Kopf, wenn ihr die Kinder vor den Fernseher setzt, damit ihr eure Ruhe habt. Ihr versteht nicht, dass meine Kinder auch im Sommer ihre festen Bettzeiten haben und ich werde wohl nie verstehen, wie man nachts um 1 Uhr noch auf dem Spielplatz sein kann.

Und so hat jeder eine andere Meinung, wenn es um die Erziehung der Kinder geht. Von den sechs Kindern in der Familie werden zwei etwas anders erzogen. Das ist nun einmal so. Nun liegt es an uns, die verschiedenen Arten zu respektieren.

Liebe Familie, ich brauche keine Ratschläge, wie man es besser macht. Mein Bauch sagt mir, was zu tun ist und bisher bin ich ganz gut damit gefahren. Ich bin nun einmal anders als ihr aufgewachsen und das macht sich auch bei meinen Kindern bemerkbar. Ich versuche, eure Weise nicht zu kritisieren, auch wenn ich manchmal ganz schön an mich halten muss. Versucht das doch bitte auch. Letztendlich werden doch alle Kinder groß und jeder möchte das Beste für seine eigenen. Ein Erfolgsrezept gibt es nicht und jeder macht wie er denkt.

Hoffen wir einfach, dass unsere Kinder weiterhin so schöne Momente zusammen verbringen werden, wie sie das immer tun, wenn sie zusammen sind. Und versuchen wir, ihnen nicht ständig zu sagen, was sie machen sollen oder was sie nicht dürfen. Schaffen wir ihnen ein bisschen mehr Freiraum und ihr werdet sehen, sie finden ihren Weg. Ob andalusisch, deutsch oder sonst irgendwie erzogen.