Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen

„Achtung, dies ist eine Eilmeldung! Die Fußgängerzone von Cartagena erleidet zur Zeit eine Blockierung, Stau wegen Gaffern. Ein Baby schreit.“ Ja, meine Damen und Herren, so könnte es aus dem Radio rufen, wenn ich mit dem Baby spazieren gehe. Es scheint doch jedes Mal etwas ganz Neues und Ungewohntes für viele Menschen zu sein, dass ein Baby einmal weint. Meins tut das, und zwar sehr gerne mitten in der Fußgängerzone. Ein Skandal! Passanten bleiben stehen, drehen sich noch einmal um oder kommen gar an den Wagen heran und stellen sehr intelligente Frage wie: „Na, was hast du denn?“ „Sie hat sich bei Ihrem Anblick erschrocken.“, möchte ich gerne antworten.

Ist es denn wirklich so neu, dass ein Baby weint? Muss man denn stets überall seinen Senf dazu geben, nur weil man selbst auch einmal ein Kind großgezogen hat? Stets und ständig muss man sich in der Öffentlichkeit rechtfertigen, so kommt es mir jesenfalls vor. Warum das Baby weint, warum es keinen Schnuller hat, warum es denn nicht schläft, warum es noch keine Ohrringe hat, warum, warum, warum…

Mein Baby möchte einfach keinen Schnuller. Das ist nun einmal so. Das muss ich bestimmt fünf Mal am Tag irgendwelchen fremden Menschen auf der Straße erklären, die meinen ein Schnuller könnte ja helfen. Ach! Danke, wär ich noch gar nicht drauf gekommen. Währenddessen weint das Baby, ja, es hat sich vielleicht wirklich erschrocken, weil grad ein Krankenwagen vorbeigefahren ist. Ich werde von den Passanten als Rabenmutter des Jahres abgestempelt, weil ich nicht sofort einen Schnuller in den schreienden Mund stopfe. Nein, ich gehe sogar noch weiter, hole so ein komisches Tuch raus und binde das Baby an mich. Nein, hat man sowas schon gesehen? Diese modernen Mütter machen aber auch gar nichts richtig! Wie kann man nur ein Baby an diese innige Nähe gewöhnen? „Sie werden schon sehen, das kriegen Sie jetzt nicht mehr raus. Jetzt hat sich das Baby dran gewöhnt und will immer auf den Arm“, erklärt mir eine ältere Frau. Ich möchte gerne fragen, was genau da jetzt so schlimm dran ist, aber ich lasse es lieber. Muss mich ja nicht mit allen anlegen.

Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen! Das möchte ich am liebsten auf unseren Spaziergängen durch ein Megafon schreien. Es ist ja nicht so, dass das Baby ständig schreit. Nein, wir haben eigentlich Glück. Es weint, wenn etwas nicht stimmt. So ist das nun mal und so soll es auch sein. Ein Baby, das nicht weint, wäre mir suspekt. Da würde ich eher sagen, da stimmt doch was nicht. Weinen ist doch ganz normal, kommt vor und ist auch nicht weiter schlimm. Es geht vorbei, man beruhigt das Kind, schaut nach, wo der Schuh drückt, tröstet und ist für das Baby da. So! Dafür brauche ich kein Diplom und keine Ratschläge fremder Menschen in der Innenstadt. Ich werd doch wohl am besten wissen, was mit meinem Baby los ist. Wieso glaubt mir das keiner? Wieso meint jeder, es besser zu wissen und wieso schaut man mich dazu auch noch verständnislos an?

Lasst mich doch einfach mal machen, möchte ich all den fremden Menschen ins Gesicht schreien, die meinen, ich sei vollkommen ungeeignet für diesen Mutterjob und nur sie wissen, wie das geht. Aber nein, ich bleibe ruhig, erkläre wieder einmal, dass das Baby keinen Schnuller möchte, während meine innerw Stimme singt: Dir möchte ich aber gerne einen in den Mund stopfen, damit du endlich ruhig bist, tralala.

Wie macht ihr das mit all den Besserwissern? Kontert ihr zurück oder könnt ihr ruhih bleiben und einfach weghören?