Aus mir wird einfach keine gute Vorzeigemutter

Neulich waren wir auf einer Taufe eingeladen. Es war die Taufe meiner kleinen Nichte, drei Monate alt. Alle erschienen wie zur Gala der Oscarverleihung. Spanier, besonders Andalusier neigen dazu, sich für Feste wie Hochzeiten und Taufen aufzubrezeln, als möchten sie Hollywoodstars Konkurrenz machen. Auch ich habe natürlich die Tochter in ein Kleid gesteckt, aber ohne Rüschen und Schleifen. Ich selbst trug ebenfalls ein hübsches Kleid und Schuhe mit Keilabsatz, man muss dem Kind ja ständig hinterherrennen, das sieht leicht ungeschickt aus in Highheels. Ach, wie falsch ich doch wieder lag! Die Mutter des Taufkindes, wohlgemerkt, noch ein Säugling, die Geburt ist noch nicht allzu lange her, trug ein sehr enges kurzes und tiefausgeschnittenes Kleid und atemberaubende Absätze. Den Tag vorher verbrachte sie viele Stunden beim Friseur, am Morgen vor der Taufe kam eine Kosmetikerin für die Kriegsbemalung. Und so schob also meine hübsch frisierte Schwägerin anmutig den Kinderwagen den Berg zur Taufe hoch. Im Schlepptau ihre vierjährige Tochter. Der Mann trottete hinterher. Eine Vorzeigemutter ohnegleichen.

Es geht also doch! Ich meine in Highheels und eventuell etwas überschminkt doch nicht gleich wie ein Clown auszusehen. Jedenfalls dachte ich das in diesem Moment. Ok, ein bisschen weniger Make-Up und etwas flachere Schuhe wären auch nicht schlecht gewesen. Doch letztendlich musste ja meine Schwägerin den ganzen Tag damit auskommen, nicht ich. Und sie tat es mit Stolz und ohne Jammern. Auch beide Töchter, also Taufkind und Schwester sahen aus wie Sahnetorten. Schleifchenkleider, Schleifen und Bänder im Haar, Goldschmuck im Ohr. Ja, auch Babys werden nicht verschont, oft werden hierzulande Ohrlöcher schon im Krankenhaus gestochen.

Daneben sah mein Reiskräcker essendes Kind ganz farblos aus. Aus mir wird einfach keine gute Vorzeigemutter. Anstatt einer übergroßen Schleife trug mein Kind eine dezente Spange im Haar. Anstatt Lackschuhen verpasste ich ihr Ballerinas aus Leder, die man auch noch in der Waschmaschine reinigen kann. Anstatt eines Rüschenkleides in hellem Farbton trug das Kind ein buntes Kleid mit Blumen drauf, damit man eventuelle Flecken nicht gleich sieht. Rabenmutter!, werden die anderen gedacht haben.

Nach der kirchlichen Zeremonie ging es ab ins Restaurant. Erst wurden die Kinder versorgt, dann die Erwachsenen. So konnten die Kinder also voller Energie durch den Saal rennen, spielen, sich auf dem Boden wälzen und sonst alles machen, was man als Kind eben so macht. Hah, und schon wieder ein Fehler meinerseits: Hatte ich doch wirklich bequeme Kleidung für die Tochter dabei. Ich steckte sie also in Leggings und T-Shirt, Turnschuhe an und ab. Die anderen Mütter schauten mich irritiert an. Während sie ihren Kinder zubrüllten, sie sollen doch bitte vom Boden aufstehen, denn er wäre ganz dreckig und würde die schöne Kleidung beschmutzen, schaute ich meinem Kind ganz verliebt beim Versteckspiel unter dem Tisch zu. Ich applaudierte, wenn sie auf den Knien rutschend wieder hervor kam. Alle Eltern im Saal warfen mir böse Blicke zu. Ich sag ja, aus mir wird einfach keine Vorzeigemutter. Ich muss wohl noch viel lernen, was spanische Traditionen angeht.

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Spanierinnen lieben hohe Schuhe @freeimages

Nach dem Restaurant ging es für einen Umtrunk in Haus der Taufkindeltern. Hier gab es Spielzeug ohne Ende, Gummibärchen, Schokolade und Saft. Ich glaube, mein Kind erlitt kurzzeitig einen Zuckerschock, denn sie war nicht mehr zu bremsen und raste durch den Vorgarten wie das Duracellhäschen. Anstatt mich neben die spanischen Vorzeigemütter zu setzen und über die wohlerzogenen Sprößlinge zu reden, machte ich es meiner Tochter nach und tobte mit ihr über den Platz. Sehr befreiend das Ganze, auch was die zugeführten Kalorien des Mittagessens angeht. Was die anderen Mütter in diesem Moment erzählten, werde ich wohl nie erfahren. Aber als Vorzeigemutter gehe ich bei ihnen wohl nicht durch.