Auf dem Spielplatz ausgetickt

Es ist Sonntag. Es ist Dorffest. Der Mann muss arbeiten, aber ich schnapp mir meine Mädels und wir gehen zur Schwiegerfamilie, nehmen noch die beste Freundin und deren Familie mit. Es ist das traditionelle Fest, an dem ein typisches Gericht im ganzen Dorf gekocht wird. Im ganzen Dorf stehen Familien vor ihren Häusern, haben kleine Feuerstellen eingerichtet über deren Flammen ein Topf mit Suppe brodelt. Nach 5 Minuten sind wir bereits komplett eingeräuchert, überall hört man die Musik vom Dorfplatz und als wir bei den Schwiegereltern ankommen machen auch wir uns daran, die Suppe zuzubereiten. Die Kinder spielen, springen im Garten herum, naschen, lachen und haben Spaß. Die Erwachsenen trinken Bier und Wein, snacken herum, warten auf den Hauptgang, unterhalten sich oder diskutieren heftig über Fußball und Politik. Ein wunderbarer Sonntag in Familie eben. Nach dem Essen, oder besser gesagt der Völlerei, machen sich meine Freundin, die Kinder und ich auf den Weg zum Dorfplatz, noch kurz Ambiente schnuppern. Doch die Kids sind nörgelig, wir gehen schnell wieder. Auf dem Rückweg liegt jedoch auch der Spielplatz. Auf einmal sind die Kinder nicht mehr ganz so nörgelig, wollen unbedingt auf den Spielplatz. Na gut.
Schon am Eingang sehe ich, das wir vielleicht Ärger geben. Aber ich denke da eher an mich, dass ich mich ärgern werde. Zwei Jungs, ungefähr sieben Jahre alt, spielen direkt am Trinkbrunnen und den Sitzbänken mit Wasserbomben. Eine nach der anderen lassen sie auf dem Boden zerplatzen. Die Eltern sitzen unweit davon entfernt, schauen zu, trinken Gin Tonic dabei. Sagen nichts. Keiner hebt die zerplatzen Ballons vom Boden auf. Ein gefundenes Fressen für unsere beiden Kleinkinder. Wasser auf dem Boden und bunte Ballonfetzen. So gut es geht versuche ich die Kids in eine andere Richtung zu lenken. Bloss weg von den angetrunkenen Eltern und den Jungs. Doch Kind1 will Wasser trinken. Es ist ein warmer Tag. Wenn Kind1 Wasser trinken will, will auch Kind2 Wasser trinken. Wir gehen also zum Trinkbrunnen. Ich habe Kind2 hoch und halten ihren Mund über das Wasser, sodass sie trinken kann. Der Junge steht schon in den Startlöchern, seinen Ballon wieder mit Wasser zu füllen. Es geht daneben, er spritzt mich komplett voll mit Wasser. „DANKE!“, sage ich etwas laut zu ihm. Er schaut nicht mal hoch. Versucht noch einmal seine Wasserbombe zu füllen, rutsch wieder ab, und jetzt sind wir alle drei komplett nass. „Gottverdammtnochmal!“ rutscht es sehr laut aus mir heraus. (Auf spanisch „Me cago en!“ und nein kein Zusatz wie „tu puta madre, la madre que te pario“ oder dergleichen) Also noch recht harmlos zu dem, was man manchmal so hört. Wie vom Blitz getroffen springt die Mutter auf und schreit mich an, was mir denn einfiele, so mit einem Kind zu reden. So etwas gehe überhaupt nicht, so etwas könne man nicht vor einem Kind sagen, ich sei ja wohl vollkommen verrückt geworden. Ich starre sie 5 Sekunden nur an, kapiere gar nicht, was sie von mir will. Dann schreie ich zurück, ob sie nicht sähe, dass wir alle komplett nass seien, der Spielplatz wie eine Müllhalde aussehe und sie mit ihrem Longdrinkglas hier schon mal gar nichts zu suchen habe. Ich solle doch nach Hause gehen, erwidert sie. Sie wettert weiter und fetzt, dass ich vollkommen ungebildet sei, ihr armer Sohn müsse solche Schimpfwörter aushalten…
Ich bin fassungslos. Über diese angetrunkene Mutter, der das Verhalten ihres Sohnes völlig egal ist aber mehr noch über mich. Ich habe noch nie jemanden in der Öffentlichkeit angeschrien. Nicht auf Deutsch und schon gar nicht auf Spanisch, denn klar hört man auch nach 11 Jahren, dass das nicht meine Muttersprache ist. Und vor meinen Kindern will ich schon gar niemanden anschreien. Ich fange sogar an zu zittern. Diese Frau hat mich vollkommen aus der Fassung gebracht. Ihr Sohn schmeißt die nächste Wasserbombe auf den Boden. Der Vater lacht dazu.
Nach 2 Minuten halte ich es einfach nicht mehr auf dem Spielplatz aus, ich packe die Mädels ein und gehe nach Hause. Schon auf dem Weg dahin laufen mir Tränen übers Gesicht. So eine Situation habe ich noch nie erlebt. Als ich nach Hause komme ist der Mann schon da. Ich breche in Tränen aus. Er versteht die Welt nicht, denkt es sei etwas mit seiner Familie passiert. Als ich ihm von dem Vorfall erzähle, fängt er an, seine Schuhe anzuziehen. Er will auf den Spielplatz, so wütend und entschlossen habe ich ihn noch nie gesehen. Ich will ihn erst noch zurückhalten, habe Angst, dass er einen Streit anfängt, doch er versichert mir, er will nur sehen, wer diese Frau ist, ob sie aus dem Dorf kommt. Nach 20 Minuten ist er wieder da. Ich solle nur ganz schnell diese Frau vergessen. Stockbetrunken sei sie gewesen und die ganze Zeit nur am Rumpöbeln.
Ich kann sie aber nicht vergessen. Die ganze Zeit denke ich, was für Werte gibt sie da ihren Kindern mit auf den Weg? Und was für Werte gebe ich meinen Kindern mit auf den Weg, wenn sie sehen, dass ich wildfremde Menschen auf dem Spielplatz anschreie? Dann bin ich ja nicht besser. Oder?
Wie seht ihr das? Was hättet ihr in dieser Situation gemacht? Wie hättet ihr das gelöst?