Andalusische Babys ticken anders

Das Baby ist nun fünf Monate alt. Und wieder einmal stelle ich fest, was hier in Spanien alles anders läuft. Ich schaue mir ja regelmäßig deutsche Elternblogs an und da sehe ich viele Dinge, die komplett anders sind. Ich habe mal eine kleine Liste zusammegestellt von den Sachen, die hier in Andalusien anders gehandhabt werden als in Deutschland. Ob das jetzt positiv der negativ bewertet werden sollte, das kann jeder für sich entscheiden. Es läuft hier halt einfach anders. Groß geworden sind bisher alle Kinder.

  1. Der Kinderwagen. Der Kinderwagen ist in Andalusien ein reines Dekoobjekt. Da wird geschmückt, werden Schleifchen rangehangen (rosa für Babymädchen und blau für Jungs), es werden teure Bezüge gekauft und eine passende Tasche dazu und und und. Hierzulande gefällt es, den Wagen so richtig auszuschmücken. Dabei wird der erste Teil des Wagens, also die Babywanne nicht wirklich lange genutzt. Oft wird nach 3-4 Monaten der MaxiCosi zum Kinderwagen. Das, was man also in Deutschland aufgrund von etwaigen Haltungsschäden unbedingt unterlassen sollte, nämlich das Baby lange in der Babyschale herumfahren, ist hier ganz normal. Auch wir haben bei Kind 1 die Babyschale normal als Kinderwagen benutzt. Haltungsschäden kann ich momentan noch nicht entdecken…Hier ist das halt vollkommen normal.
  2. Babyhygiene. Die Andalusier lieben es, die Baby zu baden, mit reichhaltigen stark parfümierten Cremes einzureiben und gerne auch noch obendrauf ein spezielles Babyparfüm einzusetzen. Auch wir haben zur Geburt von beiden Mädchen solche ‚Pflegesets‘ bekommen. Wir benutzen sie aber nicht. Normalerweise lasse ich mir viele Sachen aus Deutschland schicken, was Duschgel und Bodylotion angeht, weil die Sachen in Deutschland für mein Empfinden weniger aggressiv sind. Meine Schwiegerfamilie versteht das hingegen nicht und mag es, wenn ds Baby nicht nach Baby riecht, sondern nach einer starken Parfümwolke. Wohl auch hier eine Frage des Geschmacks.
  3. Schnuller. Das Baby mag keinen Schnuller, wir haben es anfangs mit verschiedenen Marken probiert aber ohne Erfolg. Nun, dann ist das eben so. Auch nicht schlimm, nur manchmal weint es dann halt etwas mehr als unser erstes Kind, das sich mit Schnuller beruhigen lies. Damals fragte man mich jedoch nicht einmal im Krankenhaus, ob ich möchte, dass mein Baby einen Schnuller nimmt. Meine Tochter musste aufgrund von Komplikationen während der Geburt auf die Intensivstation und als ich sie endlich sehen konnte, befand sich da schon ein riesiger Schnuller in ihrem Mund. Fand ich nicht so toll. Und auch jetzt gibt man mir immer wieder Ratschläge, wie ich dem Baby den Schnuller angewöhnen soll. Meine Schwiegermutter beispielsweise möchte ihn in Zuckerwasser tauchen und dann dem Baby anbieten. Andere raten mir tagelang dem Baby den Schnuller in den Mund zu schieben und etwas vor den Mund zu legen, damit er nicht rausfällt. Neulich erzählte mir eine Mutter, sie habe damals den Schnuller in Honig getaucht und ihm dann dem Baby gegeben, eine Kinderärztin habe ihr das geraten. Ich finde alle Ratschläge ehrlich gesagt recht schlimm. Wenn das Baby keinen Schnuller haben will, dann ist das eben so und das ist kein Weltuntergang.
  4. Beikoststart. Während man auf deutschen Seiten im Netz immer wieder liest, man solle nicht vor dem 6. Monat mit Beikost anfangen, wird hier ab dem 4. Monat normalerweise angefangen. Obst ist hier die erste Mahlzeit des Baby, danach kommen Getreidebreie und dann Gemüse-Fleischbreie. Breie werden dann jedoch für mein Empfinden recht lange gegeben. Meine Nichten haben selbst mit 2 Jahren noch täglich Brei bekommen und hatten ehrlich gesagt einige Schwierigkeiten mit dem Kauen. Auch das Fläschen wird lange gegeben. Ich kenne Kinder, die noch mit 5 Jahren abends ihr Fläschen kriegen, weil sie nur damit einschlafen können.
  5. Vorsorgeuntersuchungen. Die laufen hier recht schnell und unkompliziert ab. So haben wir mit dem Baby im 1. Monat, im 2. und im 4. Monat einen Termin bei der Kinderärztin gehabt, die sich das Baby anschaute. In der Regel dauert das so 30 Minuten, es wird gemessen, gewogen, die Reflexe kontrolliert etc. Im 6. Monat schaut sich eine Krankenschwester das Baby an und dann ist eh bis zum 1. Geburtstag Ruhe. Die Kontrolluntersuchungen gehen einher mit den Impfterminen. Hierzulande wird grundsätzlich alles durchgeimpft, find ich gut, aber ich will jetzt hier keine Impfdiskussion starten.

So, das ist erst einmal eine kleine Liste, die mir so eingefallen ist, was hier alles anders läuft. Natürlich gibt es noch mehr Dinge, so wird hier in Andalusien noch mehr Wert auf Kinderkleidung und die Geschlechtertrennung gelegt, aber davon kann ich ja ein anderes Mal berichten. Mein Eindruck ist natürlich rein subjektiv, manche Dinge finde ich hier etwas entspannter als in Deutschland, andere wiederum finde ich recht gruselig. Ich für meinen Teil bin langsam dabei einen Mittelweg zu finden. Ganz den andalusischen Gepflogenheiten trotzen kann ich nicht, dafür sind meine Mädels viel zu sehr in den andalusischen Alltag integriert. Aber ich versuche auch meine Kultur und meinen Einfluss spielen zu lassen. So rede ich beispielsweise nur Deutsch mit beiden. Auch deutsche Traditionen an Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern finden bei uns Platz. Ich hoffe, ich kann meine Mädels damit zu offenen, interessierten und respektvollen Menschen erziehen, die irgendwann nicht nur sagen: „Bäh, die machen das ganz anders, die sind doof!“